Der Wikinger

Die Tage im Frühjahr sind die Tage der Herausforderung.

Reparaturen die nicht termingerecht, zumindest nach der Meinung unserer Kunden, ausgeführt werden.
Zu wenige Monteure welche wissen was zu tun ist.
Robotmäher, die der Meinung sind, ihre Weltherrschaft hat
bereits begonnen, arbeiten nach ihrem eigenen Plan.
Und das warme Gefühl, wenn ein bestellter nagelneuer bereits verkaufter Rasentraktor angeliefert wird.
Die kargen Metallteile umgeben von glänzendem, farbenfrohem Plastik. Aber, ein stolzes Teil, wenn es dann mal fertig montiert ist. So auch an einem Montag, im Spätfrühjahr.

An einem Tag, der schon in den frühen Morgenstunden für wenig Herzlichkeit in der Firma sorgte.
Da es nach meinen umfangreichen Recherchen und glaubhaften Analysen eine geheime Gruppe von Kunden gibt,
die es vorziehen Fachhändler immer Montagfrüh aufzusuchen um sie mit haarsträubenden Ansichten und Forderungen zu konfrontieren und langsam in den Wahnsinn zu treiben.
Ich spreche von den selbsternannten Ingenieuren, die der Meinung sind, das ihre Vorfahren noch vor der Entdeckung des Rades, gewusst haben wie ein 4-Takt Motor funktioniert.

Um diesen Zielen entgegenzuwirken habe ich mich einer Reihe von Selbstversuchen unterworfen,
unter anderem alkoholischer Anwendungen sowohl äußerlich als auch innerlich.
Die Nebenwirkungen sind, je nach Anwendung, erschreckend.
Ayurveda wirkt überhaupt nicht und Feng Shui lässt sich aus Kostengründen in der Raumgestaltung nicht wirklich umsetzen. Räucherstäbchen vermischen sich mit dem Geruch von Gummirädern, asiatischem Plastik, auslaufendem Benzin, Zigarrenrauch und den lästigen schweißvermischten Abgasen aus der Werkstatt zu einem Gemisch das eher Übelkeit verbreitet.

An genau einem dieser Tage wird ein Rasentraktor einer skandinavischen Firma geliefert,
auf den einer meiner Kunden wartet.

Er wartet deshalb ungeduldig, weil das gute Stück vor Wochen bestellt, aber nicht lieferbar war.
Wobei das so nicht stimmt.

Der erste, dieser Traktoren, um den wir lange gerungen hatten, wurde auch geliefert.
Ein jugendlicher Fahrer, aus welchem Erdteil er auch stammen mochte, da wir uns in keiner mir bekannten Sprache verständigen konnten, versuchte den transportsicher verpackten Traktor auf seine Laderampe zu ziehen.
Übersah dabei aber die sich aufbauende Schwungmasse.
Was zur Folge hatte, dass das Vehikel, benannt als Hubwagen plus Traktor, sich vor meinen Augen über den Hebebühnenrand begaben.
Gleich der seligen Titanic.
Ich sah noch durch das Lattengerüst der Verpackung, ein wertvolles Hinterachsgetriebe blitzen, als sich das Ganze nach kurzem wippen mit einem unverständlichem Kommentar des Fahrers in Richtung Teerstraße verabschiedete.

Die Geräuschentwicklung beim Auftreffen des verpackten Traktors bedurfte nur eines wortlosen, kurzen Augenkontaktes mit meinem fremdländischen Fahrer und er lud den Edelschrott wieder auf.

Minutenlang stand ich in der Nähe der Laderampe und versuchte zu ergründen, was ich damals falsch gemacht habe, als ich mich beruflich in diese Richtung entschieden hatte.

Ob mein ach so gepeinigter Kunde so etwas glauben würde, zudem wir ihm nun für wenige hundert Euro mehr, ein anderes Gerät anbieten mussten, da das vorherige, für gefühlte, endlose Jahre nicht mehr lieferbar war.

Er glaubt es.
Was mich sentimental berührt.

Der neue Traktor kommt und es scheint alles gut.
Kleinigkeiten bei der Montage bringen das ganze ins stocken.
Ein Reifen, der platt ist und die Luft nicht behalten will.
Schlauchlose Reifen wurden ja nicht etwa erfunden weil sie so toll sind, sondern weil man dadurch pro Gerät vier Schläuche spart. Aber wir machen das.

Auf meine telefonische Frage beim Hersteller, wieso es sein kann dass bei der mächtigen Stoßstange vorne die vier Spaxschrauben nicht passen würden, ich ja wohl nicht erwarten könne, das Italiener vier Löcher passgenau bohren könnten.

Mir scheint, den Schweden ist ihr früher berühmter Stahl ausgegangen,
und sie suchen wieder mit ihren Drachenschiffen im Süden nach Beute.

Obwohl, das Teil kann weg, weil man niemand dazu verführen möchte, daran zu heben,
da es scheinbar dafür nicht konstruiert wurde.
Naja, wir machen das schon.

Während ein Mitarbeiter die mitgelieferte Batterie versucht wieder zum Leben zu erwecken,
damit er endlich den Motor starten kann, macht sich der Rest der Mannschaft daran das Hauptübel des Zusammenbaus zu bewältigen.

Der Fangkorb

Das ausgesprochene Wort alleine verscheucht jedweden Mitarbeiter automatisch aus der Werkstatt.
Skandinavier, wie man weiß, kannten in frühen Jahrhunderten keinerlei Schrift.
Nur weil sie mittlerweile eine Reihe bekannter Zeichen kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie diese auch in ihren Zusammenbauzeichnungen verwenden.
Tun sie auch nicht.

Wie immer versucht der technisch begabteste Mitarbeiter aus den Strichmännchen Zeichnungen eine sinngemäße,
kontrollierte Montage durchzuführen,
die seinem monatlichen Geldgeber ein zufriedenes Lächeln abverlangt und selbigen nicht noch weiter in die roten Zahlen treibt.

Vergebens.

Ein weiteres Mal wird das überaus filigrane Metallgestell demontiert, da Schritt 22 wohl nicht erkannt wurde
und demzufolge alles noch mal verschraubt werden muss.
Als versiertem Ikeaschrauber fällt mir zudem auf, dass die Schrauben Nr.5, 8 und 12 vertauscht wurden.
Was zugegeben nicht leicht zu erkennen war.

Ich versuche einen geeigneten Kommentar dazu zu vermeiden, um die äußerst angespannte Situation in der Werkstatt
nicht weiter zu strapazieren.

Aufgehäuftes Werkzeug auf der Werkbank ergab mittlerweile eine Hyperbel die mehr an Mikado
als an Werkstattordnung erinnerte und jeden ermahnte die beiden hochkonzentrierten Monteure nicht zu stören.

Dennoch versuchte ich die Lage aufzulockern, indem ich erklärte das behände Steinmetze, die Laokoon-Gruppe in etwa der hälfte… Anscheinend war keiner meiner Monteure je in Rom gewesen.

Zwischenzeitlich waren die beiden DIN A 5 Seiten mit ihren kryptischen Malereien so zerfleddert, dass selbst mir als versiertem Hobby-Archäologen, es schwer viel, zu erkennen, ob die Schrauben Nr. 6 und 8 an die Position C oder D gehörten.

Welche Auswirkung das Vertauschen auf den Betrieb des gesamten Konglomerates nach sich zog erhöhte die Anspannung wesentlich.

Inzwischen musste ich leider 3 Kunden abweisen, die mir taiwanesischen Geräte zur Reparatur anboten, da der niedrige Kaufpreis und schlechte bis gar keine Ersatzteilversorgung solches Tun von vorne herein ausschließen.
Wenn man bedenkt, wir leben vom annehmen nicht ablehnen.
Möglich, das angemessene Löhne zu bezahlen, Errungenschaften des Abendlandes sind und
es noch eine Weile dauert bis diesbezüglich im Morgenland die Sonne aufgeht.
Offensichtlich finden Wörter wie „Qualität“ und „Reparaturmöglichkeit“ in Taiwan
nur sehr begrenzten Einzug in ihr Sprachvermögen.

Naja, nachdem dort die Vorteile von Messer und Gabel immer noch nicht flächendeckend erkannt worden sind!

Und flugs, waren meine Monteure auch schon fertig.
Ware Teufelskerle.

Die kleineren Plastikapplikationen mehrmals an und abzuschrauben hatten sie schnell erledigt,
da kein erhabener Sinn darin zu entdecken war, außer einem stilistischem Hintergrund von Versace
oder einem seiner geistigen Zeitgenossen, die Geräte nicht unbedingt besser aber auf jeden Fall teurer machten.

Glücklich über den günstigen Verlauf, verfolgte ich die “Hochzeit”.
Die Maschine bekommt ihren Fangkorb.
Eine äußerst sensible und Nerven anspannende Angelegenheit.
Er schließt nicht!

Ich kann einen der Monteure den großen Vorschlaghammer entwenden,
indem ich ihn in ein Gespräch auf eventuelle Gehaltsverhandlungen am Ende des Jahres vertröste.
Dank meiner, überaus überragenden Kenntnis, was Pfusch angeht, erkannte ich, der Fanghacken war verbogen
und das Heckschild auch.
Mit einem Mittelmaß an sensibler Biegetechnik und brachialer Gewalt, schloss der Fanghacken den Korb
und wir entschieden weitere Kleinigkeiten bis zum nächsten Werkstattaufenthalt zu vertagen,
da sie die Funktion nicht vordergründig beeinflussten.

Ein eingebautes Display sollte eigentlich Erhellung über das tun des Gerätes erzeugen.
Tat es aber nicht.
Und wenn es, es tat, war es der Moderne geschuldet, weniger der Funktionalität. Geräte aller Art sollten scheinbar heute Displays besitzen, egal was sie anzeigen.

Dass der Motor läuft ist wohl nicht zu überhören.
Mit welcher Amperzahl er was auch immer versorgen würde, interessiert nicht wirklich jemanden.
Die Drehzahl des Motors, mit niedlichen Sternchen bezeichnet statt lesbarer Zahlen ist für Techniker scheinbar sinnvoll,
nach Aussage von Kunden aber nicht wertvoll.
Trotzdem währe es einfach schön, wenn es funktionieren würde.

Ich überlege, seit geraumer Zeit, wie ich kostengünstig dieses “Ding” durch eine schwarze Abdeckkappe ersetze.

Ein weiterer Monteur hatte die Aufgabe, zwischenzeitlich den restlichen Traktor zum Leben zu erwecken und ihn dann auf unserer Teststrecke rauf und runder zu bewegen.
Was er auch seit einiger Zeit mit Hingabe tat.

Ein Problem, sei gewesen, die Batterie zu überzeugen ihren Dienst aufzunehmen.
Ich versuchte den Monteur zu beschwichtigen indem ich ihm erklärte, dass Batterien ja nicht vom Hersteller hergestellt werden, sondern von Herstellern im hintersten Erdteil.
Diese wiederum schicken irgendwann mal Batterien an unsere skandinavischen Freunde,
welche sie natürlich einbauen.
Dass diese Dinger nicht mehr ganz taufrisch sind, kann man sich denken.
Was soll’s, die Batterien haben aus bekannten Gründen sowieso nur ein halbes Jahr Garantie und selbige zu erhalten
ist schier unmöglich.
Persönlich betrachte ich das ganze aus streng geschichtlichem Hintergrund.

Die Wikinger der frühen Tage haben noch nie sehr viel selber hergestellt.
Sie fuhren mit ihren Drachenschiffen schon immer in Richtung Süden und haben sich dort mit allem eingedeckt was sie brauchten. Manches ändert sich scheinbar nur sehr langsam.

Diese erbeuteten Traktoren werden dann auf Schlitten verladen.
Selbige, von Renntieren gezerrt, erreichen dann Ende Juli den nächstliegenden, eisfreien Hafen,
werden verschifft und an südlichen Orten feilgeboten.

So, funktionieren Handelsrouten!

Kaum hatten die Monteure ihr Tagewerk beendet, war das Teil auch schon fertig.

Für’s erste war unsere Welt wieder ein klein wenig in Ordnung.
Zumindest, für diesen Montag.

 

Text: Karl Rian

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